{"id":120,"date":"2017-02-14T21:59:38","date_gmt":"2017-02-14T21:59:38","guid":{"rendered":"http:\/\/jochenhemmleb.com\/web\/?page_id=120"},"modified":"2018-12-03T13:33:13","modified_gmt":"2018-12-03T13:33:13","slug":"expeditionsmull-alternative-fakten","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jochenhemmleb.com\/web\/mallory-irvine\/expeditionsmull-alternative-fakten\/","title":{"rendered":"Expeditionsm\u00fcll (&#8220;Alternative Fakten&#8221;)"},"content":{"rendered":"<p>Ein leidiges Thema: Im Nachfeld der Entdeckung George Mallorys 1999 sind von einigen Autoren diverse Behauptungen aufgestellt worden (und werden teilweise bis heute verbreitet), die in der heutigen Zeit wohl als &#8220;postfaktisch&#8221; oder &#8220;alternative Fakten&#8221; bezeichnet werden d\u00fcrften. So findet sich z.B. in dem Buch <em>Mount Everest \u2013 Expedition zum Endpunkt <\/em>von Reinhold Messner (BLV, 2003, S. 216) folgendes Schmankerl:<\/p>\n<p><em>\u201eWenn der Expeditionsleiter und der \u201aHistoriker\u2019 des Unternehmens sp\u00e4ter behaupten, Anker sei in ihrem Auftrag an die Fundstelle gegangen und habe den \u201aSecond Step\u2019 frei geklettert, <\/em>[\u2026] <em>verf\u00e4lschen sie die Fakten mit Absicht.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die in einer sp\u00e4teren Auflage nachgelegte Nettigkeit, ich sei &#8220;besessen von Vorurteilen&#8221; mag dem guten Mann ja noch halbwegs nachgesehen werden &#8211; denn im Grunde genommen hat er ja Recht: Ich liebe Vorurteile, liebe es, sie zu hinterfragen und ggf. zu widerlegen.<\/p>\n<p>Wobei das Vorurteil, gro\u00dfe Bergsteiger seien automatisch auch gro\u00dfe Menschen, Messner selbst widerlegt hat. Mehrfach. Und \u00fcberzeugend.<\/p>\n<p>Aber zu den Fakten (ohne &#8220;post-&#8221; und &#8220;alternativ&#8221;):<\/p>\n<h2>Die Vorbereitung der Suche 1999<\/h2>\n<p>In Vorbereitung der Suche sind von mir zwei Dokumente zusammengestellt worden, welche unter den Expeditionsteilnehmern zirkulierten: ein Auszug aus meiner Reihe von Essays zu Mallory und Irvine, in denen die Fotoanalyse erl\u00e4utert wird, nach welcher das Suchgebiet eingegrenzt wurde; und ein \u201eResearch Manual\u201c, eine 5-seitige, vereinfachte Zusammenfassung f\u00fcr die Verwendung am Berg.<\/p>\n<p>Nach der Fotoanalyse befand sich das Lager, von wo aus Wang Hongbao 1975 einen \u201eenglischen Toten\u201c gefunden hatte, auf ca. 8220 m (\u00b1 20 m). Vom Ort des Lagers rekonstruierte ich eine horizontale Querung (parallel zur 8220 m H\u00f6henlinie) bis zum Kreuzungspunkt mit der Falllinie vom Fundort der Eispickels 1933. Dies war der gedachte Mittelpunkt des Suchgebiets, da angenommen werden konnte, dass der Tote und der Eispickel in unmittelbarem Zusammenhang standen.<\/p>\n<p><strong>Der Standort des chinesischen Lagers von 1975 und der Eispickelfundort von 1933 waren die einzigen Referenzpunkte, auf die man bis zu unserer Expedition 1999 eine Suche beziehen konnte.<\/strong><\/p>\n<p>Es stimmt, dass der abgeleitete Mittelpunkt des Suchgebiets <u>nicht<\/u> mit dem sp\u00e4teren Fundort Mallorys \u00fcbereinstimmt. Er ist h\u00f6her und weiter westlich (vom Basislager aus gesehen rechts), die horizontale Distanz zwischen beiden Punkten betr\u00e4gt 100 m.<\/p>\n<p>Da mir die unterschiedlichen Interpretationen des Eispickelfundes gel\u00e4ufig waren, qualifizierte ich in meinem Bericht die\u00a0 Aussage \u00fcber das Suchgebiet:<\/p>\n<p><em>\u201eSelbst wenn kein Zusammenhang zwischen dem Eispickel und dem K\u00f6rper besteht, sollte sich der K\u00f6rper in 10 Minuten Laufdistanz (oder einem Radius von 250 m) vom Lager VI von 1975 befinden. Meiner Meinung nach d\u00fcrfte der K\u00f6rper s\u00fcdwestlich des Lagers liegen, d.h. in Falllinie des Eispickelfundorts.\u201c<\/em><\/p>\n<p><strong>Mallorys Leiche fand sich 200 Meter vom abgeleiteten Standort des chinesischen Lagers entfernt in s\u00fcdwestlicher Richtung.<\/strong><\/p>\n<h2>Die Suche am 1. Mai 1999 aus Sicht des Basislagers<\/h2>\n<p>Aus logistischen Gr\u00fcnden stieg die Suchmannschaft nicht auf direktem Weg von Lager V ins Suchgebiet, sondern zuerst zum geplanten Standort unseres Lagers VI. Dieses lag auf etwa halber Strecke zwischen dem Nordgrat und dem chinesischen Lager VI von 1975. Dessen abgeleitete Position war 150 m weiter westlich und ca. 15 m h\u00f6her.<\/p>\n<p>Die Suchmannschaft erreichte das Suchgebiet in einer ansteigenden Querung aus Lager VI. <strong>Diese Querung lag oberhalb der abgeleiteten Position des chinesischen Lagers. <\/strong>(Dies belegen Filme, auf denen die Suchmannschaft bereits \u00fcber gelbbraunes Ger\u00f6ll aus dem Gelben Band quert, w\u00e4hrend die Position des chinesischen Lagers noch im unterlagernden braunen Schiefer lag).<\/p>\n<p>Warum ich an diesem Punkt nicht intervenierte? Die Antwort ist einfach: Es gibt so etwas wie &#8220;Vertrauen in die Kompetenzen anderer&#8221;. Ich wusste, dass wir ein starkes, erfahrenes Suchteam hatte und vertraute dessen Entscheidungen dort oben. So schrieb ich es auch sp\u00e4ter (siehe <em>Geister des Mount Everest<\/em>, S. 116).<\/p>\n<p>Die Suchmannschaft erreichte die schwach ausgepr\u00e4gte Felsrippe, welche das Becken unter dem Eispickelfundort \u00f6stlich (links) begrenzt, auf einer H\u00f6he von 8240-8250 m. Dort fand Jake Norton eine blaue Sauerstoffflasche von der chinesischen Expedition 1975, welche uns anzeigte, dass die Suchmannschaft auf dem richtigen Weg war.<\/p>\n<p>Ankers Behauptung (<em>American Alpine Journal<\/em>, 42, 2000, S. 376), ich h\u00e4tte dies f\u00fcr den Ort des chinesischen Lagers gehalten und somit seine Position inkorrekt bestimmt, ist schlichtweg falsch: die Sauerstoffflasche war ein Hinweis <u>auf die N\u00e4he<\/u> des Lagers, nicht auf das Lager selbst, und so schrieb ich es auch (<em>Geister des Mount Everest<\/em>, S. 116).<\/p>\n<p>Die Ironie dieser Ereignisse wurde uns zwei Jahre sp\u00e4ter bewusst, als wir das chinesische Lager VI von 1975 fanden und eindeutig identifizierten. Es lag unterhalb der abgeleiteten Position, auf 8170 m, etwa 140 m von Mallory entfernt und nur wenig (15 m) h\u00f6her. W\u00e4re die Suchmannschaft 1999 tiefer gequert, w\u00e4re sie zun\u00e4chst auf das Lager gesto\u00dfen und bei ihrer weiteren Querung innerhalb kurzer Zeit auf Mallory. Ob einige &#8220;alternative Fakten&#8221; dann nicht verbreitet worden w\u00e4ren, sei dahingestellt. Tatsache ist, <strong>die Suchmannschaft 1999 erreichte weder den abgeleiteten noch den tats\u00e4chlichen Ort des chinesischen Lagers. Ihrer Route querte oberhalb <u>beider<\/u><\/strong> <strong>Punkte.<\/strong><\/p>\n<p>Die verschiedenen Areale, welche anschlie\u00dfend von den einzelnen Mitgliedern der Suchmannschaft abgesucht wurden, waren wie folgt: Dave Hahn blieb nahe der Felsrippe und stieg in Richtung der tats\u00e4chlichen Position des chinesischen Lagers ab, erreichte es allerdings nicht. Richards und Norton untersuchten den breiten Trichter rechts der Felsrippe. Politz stieg hinauf zum oberen Rand des Beckens, bis in die Felsen des Gelben Bands. Anker stieg hinab zum unteren Rand des Beckens, wo es in einer Reihe von Klippen abbricht.<\/p>\n<p>Gegen 11.20 Uhr sichtete Conrad Anker einen ersten Toten und funkte dies ins Basislager (die Zeiten wurden w\u00e4hrend der Teleskopbeobachtungen notiert) \u2013 der \u201eGreeter\u201c (wegen eines abstehenden Arms), wahrscheinlich der 1998 verschollene Russe Sergei Arsentiev.<\/p>\n<p>Zehn Minuten sp\u00e4ter, gegen 11.30 Uhr, stie\u00df Tap Richards auf einen weiteren Toten mit rot-wei\u00df-blauer Daunenbekleidung und Steigeisen mit Riemenbindung. Aufgrund der Kleiderfarbe und alten Ausr\u00fcstung identifizierte ich den Toten \u00fcber Funk vorl\u00e4ufig als den 1975 abgest\u00fcrzten Chinesen Wu Zongyue.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend fand dann folgendes Funkgespr\u00e4ch statt, welches sp\u00e4ter im Internet ver\u00f6ffentlicht wurde (Clark, L. \u201eThe Day Mallory was found\u201c, NOVA Online, <a href=\"http:\/\/www.pbs.org\/wgbh\/nova\/everest\">www.pbs.org\/wgbh\/nova\/everest<\/a>, 17. Januar 2000):<\/p>\n<p>Anker: <em>\u201eIch werde diese direkte Falllinie untersuchen. Over\u201c<\/em><\/p>\n<p>Richards:\u00a0 <em>\u00a0\u201eAn Conrad und alle. Ich bin ebenfalls in der Falllinie hier. Ich habe zwei andere Personen gefunden. Schaut so aus, als w\u00e4ren sie definitiv abgest\u00fcrzt. Die Falllinie in Verbindung mit dem Eispickelfundort ist der Schl\u00fcssel. Over.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Hemmleb: \u201e<strong><em>Ich k\u00f6nnte annehmen, dass das, was wir suchen, tiefer liegt.<\/em><\/strong><em> Da ich euch im Moment aber nicht durch das Teleskop sehen kann, bin ich mir nicht ganz sicher. Sucht weiter. Over.\u201c <\/em>(Hervorhebung JH)<\/p>\n<p>Wu Zongyue wurde bereits 1980 von japanischen Bergsteigern gefunden. Da Lagerpositionen und Routen der Japaner bekannt waren, nahm ich an, dass der K\u00f6rper von Wu oberhalb von Wang Hongbaos\u00a0 \u201eenglischen Toten\u201c liegen musste. Daher mein Funkspruch: \u201e<em>Ich k\u00f6nnte annehmen, dass das, was wir suchen, tiefer liegt.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Zu diesem Zeitpunkt befanden sich Tap Richards und Jake Norton bereits im Abstieg durch die breite Rinne mit Mallorys sp\u00e4terem Fundort, etwa 120 Meter entfernt und 70 Meter h\u00f6her. H\u00e4tte Anker, welcher das untere Ende der Rinne von SW (rechts) her querend erreichte, Mallory nicht gefunden, <strong>w\u00e4ren Richards oder Norton wenig sp\u00e4ter mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf den Toten gesto\u00dfen.<\/strong><\/p>\n<p>Um es noch einmal zusammenzufassen: Zwei Bergsteiger befinden sich 70 Meter oberhalb von Mallorys Fundort. Sie sind bereits im Abstieg und in die richtige Richtung unterwegs \u2013 und aus dem Basislager kommt die Best\u00e4tigung, tiefer zu suchen.<\/p>\n<p>Bei Messner liest sich dieser Sachverhalt dann so: <em>\u201eConrad Anker wurde dort f\u00fcndig, wo Hemmleb nicht suchen lies.\u201c <\/em>(Leserbrief an <em>Journal Frankfurt<\/em>, 4\/2000). <em>\u201eConrad Anker findet, weitab vom festgelegten Suchgebiet, <\/em>[\u2026] <em>Mallory.\u201c<\/em> (<em>Mount Everest \u2013 Expedition zum Endpunkt, <\/em>S. 216).<\/p>\n<p>Messners zweite Behauptung, Eric Simonson und ich h\u00e4tten behauptet, Conrad Anker h\u00e4tte die Zweite Stufe frei geklettert, ist sogar noch leichter zu widerlegen: Zitat aus meinem Buch <em>Die Geister des Mount Everest<\/em>, S. 149, zu Ankers Durchsteigung: <em>&#8220;An einem guten Griff f\u00fcr die rechte Hand zog er den K\u00f6rper nach, setzte kurz seinen Fu\u00df auf eine Leitersprosse, welche die gute Leiste verdeckte, und erreichte wenige Augenblicke sp\u00e4ter den Gipfel der Zweiten Stufe.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Die Benutzung der Leitersprosse, also eine nicht-freie Begehung, ist explizit erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Dagegen findet sich im Klappentext der amerikanischen Originalausgabe von <strong>Conrad Ankers Buch<\/strong> <em>The Lost Explorer<\/em> (geschrieben mit David Roberts) der Satz: <em>&#8220;Seventeen days later <\/em>[nach der Entdeckung Mallorys] <strong><em>Anker free-climbed the Second Step<\/em><\/strong><em>&#8221; <\/em>&#8230; (Hervorhebung JH)<\/p>\n<p><em>Wer <\/em>verf\u00e4lscht hier also Fakten, Herr Messner?<\/p>\n<p>Aber vielleicht muss man auch in diesen Dingen bei dem guten Mann Nachsicht walten lassen &#8211; denn die Aussicht aus seiner Burg, wo er sich vermutlich am 1. Mai 1999 aufhielt, ist zwar sch\u00f6n, reicht aber definitiv nicht bis zum Mount Everest.<\/p>\n<p>Da sich Messner gerne selbst als &#8220;Historiker&#8221; pr\u00e4sentiert und nach &#8220;journalistischer Sorgfalt&#8221; ruft, sei abschlie\u00dfend ein Blick auf seinen eigenen Umgang mit historischen Fakten erlaubt:<\/p>\n<h2>Vom Umgang mit historischen Fakten in Reinhold Messners <em>Mallorys zweiter Tod<\/em> oder: Geschichte ist Auslegungssache &#8230;<\/h2>\n<p><em>(verfasst im Oktober 1999)<\/em><\/p>\n<p>Messners Alleinbesteigung des Everest \u00fcber die Nordflanke ohne Sauerstoff 1980 steht in der reichen Geschichte der Everest-Nordseite zweifellos einzigartig da. Und so ist es nicht verwunderlich, vielleicht gar unvermeidlich, dass sich Messner nun zum vorl\u00e4ufig letzten Kapitel dieser Geschichte \u00e4u\u00dfert \u2013 dem Fund von George Mallory im Mai 1999.<\/p>\n<p>Messner tut dies auf \u00fcber 200 Seiten in seinem neuen Buch, <em>Mallorys zweiter Tod<\/em> (BLV). Doch um es gleich klarzustellen: Nur etwa 20% des neuen Buches sind von Messner selbst, der Rest besteht ausschlie\u00dflich aus Zitaten der reichhaltigen Everest-Literatur. Und in diesen 20% bedient er sich clever der \u201eStimme\u201c des verschollenen und wieder gefundenen Mallory.<\/p>\n<p>Die Worte, welche Messner bereits auf den ersten Seiten dem Pionier in den Mund legt, sind wegweisend f\u00fcr das gesamte Buch \u2013 und m\u00fcssten jedem einzelnen Mitglied der Mallory &amp; Irvine Research Expedition (inklusive mir selber) die Zornesr\u00f6te ins Gesicht treiben: Da werden den Mitgliedern Motivationen und Gesinnungen angedichtet, die niemals ge\u00e4u\u00dfert wurden; da wird von Ereignissen erz\u00e4hlt, die niemals stattgefunden haben oder zumindest nirgendwo so verzeichnet sind usw. Doch am besten vielleicht einige Beispiele:<\/p>\n<p>Zum Ergebnis der Mallory &amp; Irvine Research Expedition: <em>\u201e&#8230;was die Forscher suggerieren: Das R\u00e4tsel sei gel\u00f6st\u201c <\/em>(S. 15) <em>\u201e&#8230;man hat mich schon lange zum Gipfelsieger degradiert&#8230;<\/em> (S. 25) <em>\u201e&#8230;die Behauptung, ich h\u00e4tte die Spitze des Mount Everest erreicht.\u201c <\/em>(S. 27) Woher nimmt Messner diese Behauptungen? Woraus zitiert er? Kein Mitglied unserer Expedition \u2013 auch ich nicht &#8211; hat unmittelbar nach der R\u00fcckkehr behauptet, wir h\u00e4tten das R\u00e4tsel gel\u00f6st oder Mallory und Irvine h\u00e4tten den Gipfel erreicht. Wir haben nur behauptet, dass sie es geschafft haben <em>k\u00f6nnten<\/em> \u2013 und der Expeditionsbericht f\u00fchrt Schritt f\u00fcr Schritt aus, was f\u00fcr ein Scheitern, was dagegen, was f\u00fcr einen Erfolg und was dagegen spricht. Wir verkaufen hier keine Sensation sondern legen nur verschiedene m\u00f6gliche Szenarien dar, begr\u00fcnden sie und ziehen Schlussfolgerungen. Eine derartige genaue Analyse bleibt Messner dem Leser das gesamte Buch \u00fcber schuldig.<\/p>\n<p>\u00dcber Ereignisse w\u00e4hrend der Suche: <em>\u201e&#8230;da wurde gekeucht und geschimpft, gerotzt und geflucht. Ich konnte nur lachen \u00fcber den Aufschrei, als einer ein schwarzes St\u00fcck Fels und nicht die Kodak-Kamera in den H\u00e4nden hielt.\u201c<\/em> (S. 26) Bei diesem reichlich dilettantischen Versuch, die Suche und die daran beteiligten Personen ins L\u00e4cherliche zu ziehen, berichtet Messner\/Mallory von einem Ereignis, das so nie stattgefunden hat bzw. nirgendwo so verzeichnet ist, sondern rein der bl\u00fchenden Fantasie Messners entsprungen ist. Doch er berichtet, als w\u00e4re er selbst dabei gewesen. Unsere Suchmannschaft hat dort oben einiges gefunden und gesehen \u2013 Reinhold Messner allerdings nicht.<\/p>\n<p>\u00dcber die Gef\u00fchl\u00e4u\u00dferungen der Suchmannschaft nach ihrem Fund l\u00e4sst Messner Mallory sagen: <em>\u201eMich ekelt vor so viel Ehrerweisung. Und diese Heuchelei!\u201c<\/em> Ich selber \u2013 im Gegensatz zu Mallory lebendig und daher weniger vor dem Problem stehend, mir Worte in den Mund legen lassen zu m\u00fcssen \u2013 sage \u00fcber Messners Ausf\u00fchrungen: <em>\u201e&#8230;und mich ekelt vor so viel Unsachlichkeit. Und diese unseri\u00f6se Berichterstattung !\u201c<\/em><\/p>\n<p>\u00dcberhaupt nimmt es Messner in seinem Buch mit historischer Berichterstattung nicht sehr genau: Da werden blind Routenskizzen aus dem <em>Stern<\/em> und <em>Der Spiegel<\/em> \u00fcbernommen, ohne die darin enthaltenen Fehler zu korrigieren oder zu vermerken (S. 22 und 72). Da wird eine Routenskizze aus dem Jahre 1924 aufgef\u00fchrt, die als Ort der letzten Sichtung Mallorys und Irvines die Zweite Stufe nennt, obwohl Messner beweisen will, dass gerade dies nicht m\u00f6glich gewesen sein kann (S. 30). Quellennachweise f\u00fcr Zitate fehlen fast v\u00f6llig, ebenso einige wichtige Literatur zu Mallory (z.B. Holzel &amp; Salkeld, <em>The Mystery of Mallory and Irvine <\/em>oder die verschiedenen Biographien Mallorys).<\/p>\n<p>Anstatt Odells Bericht seiner letzten Sichtung Mallorys und Irvines einmal genauer unter die Lupe zu nehmen \u2013 und damit meine ich nicht Odells \u00c4u\u00dferungen in Gespr\u00e4chen mit Messner mehr als 60 Jahre nach den eigentlichen Geschehnissen -, qualifiziert ihn Messner mit simplen Generalisierungen ab: <em>\u201e&#8230;wie viel von seiner Sichtung war Hoffnung, wie viel Rechtfertigung, wie viel Trost? Die H\u00f6he narrt uns doch alle, und schon aus einer Distanz von einem Kilometer beruhen solche Beobachtungen auf Lichtreflexen&#8230; In solchen H\u00f6hen sind Halluzinationen keine Seltenheit, und er hat sich ja gew\u00fcnscht zu sehen, was er dann zu sehen glaubte.\u201c <\/em>Wie herrlich suggestiv \u2013 und praktischerweise ohne jeden unmittelbaren Gegenbeweis. Aber auch ohne jeden Beleg. Und wenn sich Messner schon solcher Generalisierungen bedient, kann man dies nicht geradezu als Einladung verstehen, dieselben Kriterien an Messners eigene Berichte und Beobachtungen zu legen? (Verzeihung, nun bin ich suggestiv&#8230;) Die H\u00f6he narrt uns alle&#8230; Unser Expeditionsbericht legt ausf\u00fchrlich dar, was man dort oben wirklich sehen und nicht sehen kann, was wirklich f\u00fcr\u00a0 und gegen Odell spricht.<\/p>\n<p>Ein weiteres Beispiel f\u00fcr die historische Berichterstattung Messners, der laut Klappentext <em>\u201eden h\u00f6chsten Berg der Welt und seine Geschichte besser kennt als jeder andere\u201c<\/em>: \u00dcber die lange umstrittene chinesische Expedition von 1960 l\u00e4sst er Mallory sagen: <em>\u201eWenn sie aber am Second Step stecken bleiben, so wie ich stecken geblieben bin, ist das zwar kein Grund zur Panik, aber Betrug. Warum erz\u00e4hlen sie sp\u00e4ter von Holzpfl\u00f6cken und Seilresten, die sie \u00fcber der letzten Steilstufe gefunden haben wollen?\u201c<\/em><\/p>\n<p>Messner d\u00fcrfte einer der wenigen Personen sein, die weiterhin das Ger\u00fccht um diesen Fund aufgreift und dazu nutzt, den chinesischen Bericht zu diskreditieren. Dabei braucht es dies gar nicht: Bereits in einer der ersten Quellen dieses Berichtes (<em>American Alpine Journal<\/em>, 1983) wird darauf hingewiesen, dass es sich bei dieser Information um einen \u00dcbersetzungsfehler des Dolmetschers handelte und die von den Chinesen angegebenen H\u00f6hen und Positionen auf einen Fund am Standort des Lagers VI von 1933 hindeuteten. So steht es auch im j\u00fcngsten Werk \u00fcber die Geschichte des Bergsteigens in China (<em>History of Mountaineering in China<\/em>, Han Kou: Wuhan Publishing House, 1993) \u2013 und das von den Chinesen gefundene Material wurde von unserer Gipfelseilschaft an exakt gleicher Stelle wiederentdeckt.<\/p>\n<p>Wenn Messner tats\u00e4chlich Dokumente besitzt, die \u2013 wie behauptet \u2013 \u201e<em>belegen, dass die Chinesen 1960 an der Zweiten Stufe gescheitert sind\u201c <\/em>(<em>Der Spiegel<\/em>, 10. Mai 1999), warum hat er sie dann nicht l\u00e4ngst in einem seiner B\u00fccher der \u00d6ffentlichkeit vorgelegt, aus ihnen zitiert und sie als Quelle aufgef\u00fchrt? Und wie erkl\u00e4rt sich Messner dann bitte ein Foto aus dem chinesischen Film von 1960, das die Dritte Stufe und die Gipfelpyramide zeigt und eindeutig von <em>oberhalb<\/em> der Zweiten Stufe aufgenommen wurde? In den ersten Berichten der Chinesen finden sich zudem topographische Details, die sich mit den letzten 250 Metern des Gipfeltiegs von Norden decken \u2013 einen direkten Beweis f\u00fcr die Besteigung gibt es dar\u00fcber hinaus jedoch nicht.<\/p>\n<p>Was Messners eigene Everest-Besteigung 1980 angeht, so w\u00fcrde ich mich zwar gerne mit der Ehre schm\u00fccken, bei der Auswahl des Suchgebietes seinen damaligen<em> \u201eAhnungen\u201c<\/em> (S. 209) gefolgt zu sein. Doch diese Ehre geb\u00fchrt Tom Holzel, welcher dieses Gebiet schon neun Jahre vor Messner ins Auge gefasst hatte (<em>Mountain<\/em>, 17, 1971).Selbst Messner gibt zu, 1980 am Everest <em>\u201eetwas\u201c<\/em> gelesen zu haben, was seine sp\u00e4tere <em>\u201eAhnung\u201c <\/em>st\u00fctzte \u2013 allerdings einmal mehr ohne Quellenangabe. Und wenn man schon eine reichlich \u00fcberfl\u00fcssige Debatte beginnt, wer nun die <em>\u201eAhnung\u201c <\/em>des Suchgebiets hatte, so geb\u00fchrt diese Ehre Frank Smythe, der davon in seinem Buch <em>Camp Six<\/em> schrieb \u2013 und das war 1937.<\/p>\n<p>Die Berichterstattung \u00fcber unsere Mallory &amp; Irvine Research Expedition und \u00fcber die chinesische Expedition von 1960 sind die zwei schlagendsten Beispiele daf\u00fcr, <em>wie <\/em>Messner tats\u00e4chlich berichtet: Statt wirklich neue Erkenntnisse pr\u00e4sentiert er altes und \u00fcberholtes Material, statt wirklicher Zeugenaussagen versteigt er sich in Spekulationen \u00fcber Gesinnungen und Motivationen der Zeugen.<\/p>\n<p>Damit sagt dieses Buch am Ende vielleicht mehr \u00fcber Messner selbst aus als \u00fcber Mallory.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein leidiges Thema: Im Nachfeld der Entdeckung George Mallorys 1999 sind von einigen Autoren diverse Behauptungen aufgestellt worden (und werden teilweise bis heute verbreitet), die in der heutigen Zeit wohl als &#8220;postfaktisch&#8221; oder &#8220;alternative Fakten&#8221; bezeichnet werden d\u00fcrften. 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